Zukunftsprojekt Naturgarten

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H. Wohlmeyer

Inhaltsverzeichnis

Zukunftsprojekt Naturgarten

Der Leser wird sich wundern, wieso ein Professor für Ressourcenökonomie und Umweltmanagement sich als ‚Außenstehender‘ in die Naturgarten-Diskussion einzubringen versucht.

Dies hat mehrere Gründe, von denen ich nur sechs anführe:


Erstens: größerer Zusammenhang

Ich möchte den Naturgarten in jenen größeren Zusammenhang stellen, den er verdient, denn die Sicherung der Ernährung der Menschheit im Einklang mit der Natur ist ein Kernproblem der Zukunft.


Zweitens: Gärtnerische Bewirtschaftung bringt höchsten Ertrag

Jeder Pflanzenbauer weiß, dass die gärtnerisch-vielfältige Landbewirtschaftung den höchsten Ertrag an Lebensmitteln je Flächeneinheit erbringt. Diese Chance zu nützen, ist bei der weltweit knapper werdenden Nahrungsdecke ‚weltrettend‘. Alle Hochkulturen mit knappen Agrarflächen haben eine standortangepasste, vielfältige Landbewirtschaftung entwickelt. In den Notzeiten des Zweiten Weltkrieges haben wir so überlebt.

Der gelernte Gärtner und spätere Ökologe, Naturschutzbeauftragte und international beratende Regionalentwickler, Dr. Josef Heringer, hat daher den Merksatz geprägt: „Entweder wird die Welt ein Garten oder sie wird ein Schlachtfeld!“

Drittens: biologische Vielfalt

Eine immer naturfernere Landwirtschaft, wie sie gegenwärtig den Weltmarkt beherrscht, ist auf die Maximierung der Arbeitsproduktivität ausgerichtet. Dieser opfert sie die biologische Vielfalt an Pflanzen (Monokulturen und Vernichtung der Beikräuter) und das noch vielfältigere Bodenleben (Die Totalherbizide nehmen den Bodenorganismen die Nahrung und der hohe Bodendruck der Großmaschinen die Luft in den Poren.).

Mein Gastvater, Franz Steindl, hat den ‚Hausacker‘ noch gärtnerisch bewirtschaftet und von dieser kleinen Fläche die Grundversorgung mit Erdäpfeln und verschiedenen Gemüsen, sowie Beerenfrüchten sicher gestellt. Er machte bewusst die Bewirtschaftung behutsam mit Hand und Pferd, um die natürliche Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und zu fördern. Die Produktivität war so hoch, dass auch Nachbarn und bettelnde Städter (‚Hamsterer‘ genannt) bedient werden konnten.

Viertens: nachhaltiger Bio-Garten

Die gegenwärtige Hauptstrom-Landwirtschaft arbeitet mit einem hohen Einsatz an Chemikalien, Fremdenergie und Handelsdüngern. Wenn wir den ‚Rückblick aus der Zukunft‘ machen und zumindest enkeltauglich wirtschaften wollen, dann müssen wir einen Bewirtschaftungsstil entwickeln und pflegen, der mit möglichst wenig Einsatz von Fremdmitteln (auf Neudeutsch-Englisch ‚Fremdinput‘) auskommt. Dies ermöglicht ein gut geplanter Gartenbau mit Mischkulturen und kreislauforientierter Kompostwirtschaft. Wir sollten in diesem Zusammenhang auch bedenken, dass die Reserven an Phosphordüngern (insbesondere an Naturphosphaten zu Ende gehen).

Fünftens: hohe Biodiversität

Alle Monokulturen auf großen Flächen, verbunden mit verarmten Fruchtfolgen, bieten spezialisierten Schädlingen ein Vermehrungseldorado. Die Folge ist der vermehrte Einsatz von Pestiziden. Dies verursacht nicht nur hohe Kosten, sondern auch hohe Kollateralschäden (Tötung der Mikroorganismen- und Insektenfauna – insbesondere der Nützlinge). Kleinräumiges Wirtschaften mit hoher biologischer Vielfalt an Arten und innerhalb der Arten (Sorten) ist die beste strategische Antwort.

Sechstens: Sonnennutzung

Die zukünftige Zentralfrage wird sein: Wie kann ich eine möglichst hohe Nettoernte an Sonnenenergie in für den Menschen nutzbarer Form erzielen. Dies wir nur durch die kluge Nutzung aller natürlichen Synergien möglich sein.

Genau dort setzt auch der Naturgarten an. Der Blick auf konkrete Realisierungen von Naturgärten, wie die Gärten des Naturhotels Steinschalerhof, zeigen aber noch etwas anderes und weisen auf noch weiteres hin: Das Andere ist einerseits die Blüh- und Duftkulisse sowie die Vielfalt der Farben und Formen die das Herz erfreuen und andererseits der Beitrag zu einer anregenden die Gesundheit fördernden Ernährung.

Vision der Erhaltung

Das Weitere ist die Vision der Erhaltung, der Renaissance und der Neugestaltung eines Kulturlandschaftsgartens, also einer kleinräumig strukturierten, nach gärtnerischen Mustern gestalteten Kulturlandschaft, die neben der Vielfalt an Lebensmitteln auch Schönheit, Lieblichkeit und Geborgenheit hervorbringt.

Als ich mit einem US-amerikanischen Kollegen über Österreich flog, meinte er
It‘s like a big, beautiful garden.“ (Es ist wie ein großer, schöner Garten).
Ich antwortete: „Solange Ihr diesen mit der von Euch betriebenen Handelspolitik nicht vernichtet habt.“ (Diese ist mit dem TTIP-Abkommen aktueller den je.)

Initiativen wie die Steinschaler Gärten könnten für die vorstehende Vision Feuerstätte sein, an denen sich die Mitbürger/innen das Feuer des Wissens und der Begeisterung holen können. Zu nachhaltigen Verwirklichung sind aber noch einige Rahmensetzungen notwendig:

a) Wir müssen wissen, wo das Ziel ist. Die gegenwärtige Agrar-, Förder- und Handelspolitik ist noch immer auf den ungebremsten Wettbewerb mit agrarischen Großsystemen ausgerichtet, die gegenwärtig kostengünstig - aber langfristig zerstörererisch sind. In diesem ökonomischen Gladiatorenkampf verlieren die naturangepasst wirtschaftenden Kleinen. Der Weltagrarrat (IAASTD) hat in seinem Bericht Landwirtschaft am Scheideweg (2008) die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Kurskorrektur der Agrarpolitik verlangt. Das Ziel soll eine bäuerliche, kleinräumig standortorientierte und auf lokale Ernährungssouveränität ausgerichteten Landbewirtschaftung sein. Österreich und Deutschland haben bei der Erarbeitung und Verabschiedung des Berichtes mit Abwesenheit ‚geglänzt‘. Auch von der Verwirklichung merkt man nichts.

Der Bericht wird nicht einmal in den Sonntagsreden verwendet. Der Druck der Gesellschaft und Wissenschaft wird aber eine Korrektur des Denkens erzwingen, so wie es im vorigen Jahrhundert beim biologischen Landbau geschehen ist.

b) Wenn wir das Ziel außer Streit gestellt ist, dann ergeben sich die erforderlichen Maßnahmen gleichsam von selbst. Diese sind insbesondere:

b.1) Die Verteidigung dieser Art der Landbewirtschaftung in der Handelspolitik (Schutz gegen unterpreisige Importe) im Namen der Ernährungssouveränität und der Ökologie).

b.2) Die Umstellung der Förderpolitik auf die Förderung lokaler Produktion, Lagerung und Vermarktung bis hin zu Gemüse und Obst; wenn notwendig Ausgleichszahlungen für nicht korrigierbare handelspolitische und natürliche Erschwernisse. Die Schweiz hat eine Reform, die in diese Richtung geht, kürzlich durchgeführt. Solche Ausgleichzahlungen müssten langfristig sicher sein, weil der Aufbau von lokalen, naturnahen Versorgungssystemen lange Planungs- und Amortisationszeiten hat.

b.3) Im Bildungswesen sollten die geeigneten Lehrbücher für die allgemeinen Schulen und die Lehrpläne für die land- und forstwirtschaftlichen Bildungsstätten rasch erarbeitet werden. Auch ein leicht fassliches Lehrbuch zur sinnvollen und optimalen Ernährung sollte zur Verfügung stehen.

Wir dürfen jedoch nicht auf die Korrektur der Rahmenbedingungen warten, den die Zeit eilt, und lokale Ernährungssouveränität wird eine der Existenzgrundlagen unser Kinder und Kindeskinder sein. Tun wir also jene kleinen und größeren Schritte, was wir aus eigener Kraft bereits jetzt machen können. Im Sinne der vorstehend dargelegten Argumente ist die Initiative Naturgarten ein unverzichtbares Zukunftsprojekt.


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